Du oder Sie?

Das „Hamburger Sie“ und das „Münchner Du“ – Möglichkeiten der Anrede auf Deutsch

Wenn Sie Deutsch lernen, dann lernen Sie ganz am Anfang auch den Unterschied zwischen „Du“ und „Sie“. Sie lernen schon in den ersten Stunden, dass wir uns in offiziellen und formellen Situationen siezen, mit Freunden und der Familie aber duzen. „Haben Sie einen Stift für mich, Frau Müller?“, sagen wir beim Siezen und benutzen hier den Nachnamen + Sie. Duzen wir die Person, sagen wir: „Hast du einen Stift für mich, Annika?“ Wir benutzen den Vornamen + du. Das klingt eigentlich ganz übersichtlich – ist für manchen Deutschlerner vielleicht ungewohnt, aber leicht zu verstehen.

Im Büro

Ganz so einfach ist es im Alltag dann aber oft nicht. Wie ist es im Büro? Duzt man sich oder siezt man sich? Darauf gibt es keine einheitliche Antwort. In vielen Büros duzen sich die Kollegen. Aber das ist nicht überall so. Der Trend geht allerdings dahin, dass in immer mehr Unternehmen grundsätzlich geduzt wird. Sogar den Chef spricht man dort mit „du“ an. Bei „Otto“, einem großen deutschen Versandhandel, ist das zum Beispiel so. Man will dadurch auch die Hierarchien abbauen.

Die erste Entscheidung ist also: Duzen oder Siezen? Also: Nachname + Sie oder Vornamen + du.

Zwei Alternativen

Aber dann gibt es noch zwei weitere Möglichkeiten: Das „Hamburger Sie“ und das „Münchner Du“

Ich kann nämlich auch den Vornamen benutzen und dennoch siezen. Das ist in modernen Firmen heute oft üblich – zumindest, wenn man noch nicht ganz so hip ist, dass man gleich alle duzt. Man sagt, der Trend kommt aus amerikanischen Unternehmen, die Idee gibt es allerdings auch hier schon lange. „Haben Sie mal einen Stift für mich, Annika?“ – das ist das „Hamburger Sie“, man sagt den Vornamen + Sie. Lehrer benutzen es oft, wenn sie jugendliche Schüler mit „Sie“ ansprechen. Aber auch in immer mehr Büros gilt die Variante als Kompromiss zwischen modern und traditionell.

Etwas merkwürdig klingt in unseren Ohren folgende Möglichkeit: „Frau Müller, hast du einen Stift für mich?“ Man hört das manchmal in Supermärkten oder Kaufhäusern. Dort duzen sich die Mitarbeiter oft untereinander, aber das Unternehmen möchte, dass sie sich vor den Kunden siezen. Daraus ist dann diese Variante entstanden: Nachname + du. Das „Münchner Du“ oder auch „Kassiererinnen-Du“.

Was ist also zu tun?

Am besten hören Sie, was andere sagen und passen sich an. Im Zweifel sollten Sie allerdings immer traditionell siezen, also den Nachnamen + Sie benutzen. Wenn der Gesprächspartner das zu förmlich findet, wird er Ihnen schnell eine andere Variante anbieten. Das Wichtigste: Jede Variante gilt immer in beide Richtungen. Also: So wie Sie angesprochen werden, so antworten Sie auch. Immer? Naja, keine Regel ohne Ausnahme. Aber hier gibt es nur eine: Erwachsene duzen Kinder, aber Kinder müssen (oder sollten zumindest) fremde Erwachsene siezen.

Melanie Helmers